10 kommentierte Aphorismen und Zitate – Stand: 18. Juni 2010
Nr. 10 – 18. Juni 2010
Zeit entsteht, indem sie vergeht. – Karl Lubomirski
Mit diesem knappen, aber gehaltvollen Aphorismus formuliert der in Mailand lebende Schriftsteller Karl Lubomirski (Jg. 1939) eine eigenständige Position im philosophischen Diskurs. Wurde Zeit mal als ,objektive’, mal als ,subjektive’ Größe aufgefasst, so bewegt sich das vorliegende Notat zwischen den theoretischen Fronten. Es erklärt die fließende Verwandlung des Jetzt in ein Gerade-Vorhin zur Entstehungsbedingung von Dauer. Damit ist Zeit zwar an die innerliche Wahrnehmung des Entschwindens gebunden, doch stellt sie mehr als ein bloßes Bewußtseinsphänomen dar. Indem sie der menschliche Geist hervorbringt, nimmt sie ,reale’ Gestalt an – nicht im absoluten Sinne, sondern als ,Reflexions-Gegenstand’.
Alexander Eilers
Aphorismus aus: Karl Lubomirski, Links oder Rechts. Oder Mensch. Mailänder Reflexionen. Innsbruck, Wien: Berenkamp, 2005. S. 71
Stichworte: zeit objektivität subjektivität vergänglichkeit karl lubomirski alexander eilers
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Nr. 4 – 21. Apr. 2008
Une seule chose importe: Apprendre à être perdant. – Emil Cioran
Für Werner Helmich
„Eine einzige Sache zählt: Lernen, Verlierer zu sein.“ Menschen, die Cioran schätzen, sind in der Regel keine finsteren Gestalten, sondern Menschen, die ihre Desillusionen hinter sich haben und doch genügend Formgefühl besitzen, um ansprechend und ansprechbar wirken zu wollen. Dahin ist die avantgardistische Geste des zukunftsgewissen Auftrumpfens oder des Ausspielens rhetorischer Überlegenheit. Solche Abrüstung der ästhetischen Mittel ist den Kennern ein Gütesiegel Zeitgenössischer Aphoristik. Sie hat vor allem in der französischen Literatur ihren Nährboden. Bei Cioran ist an Paul Valérys Ökonomie der reinen Mittel zu erinnern. Die reinen Mittel, das sind Laut und Gestalt von Wort und Satz. Was dann zum Vorschein kommen soll nach der textuellen Abrüstung, ist kein menschlicher Makel, sondern der atmende Organismus aus Knochen, Muskeln, Fleisch und Blut. Aphorismen, die ich in diesem Zeichen für gelungen halte, sind dann solche, die ein dezentes Text- und Theoriedesign haben.
Christoph Grubitz
Aphorismus aus: Emil Cioran, De l’inconvénient d’être né. Œuvres, coll. Quarto, éd. Gallimard, p. 1346
Stichworte: verlieren scheitern desillusion frankreich werner helmich paul valéry emil cioran christoph grubitz
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Nr. 2 – 27. Jan. 2008
Was aller Beschreibung spottet, ist Poesie – Elazar Benyoëtz
Eigentlich verbieten sich hier Amplifikationen, die letztlich immer beschreibenden Charakter haben. Dennoch wage ich eine Annäherung an den Satz, dessen Poesie eine unaufdringliche ist, ja sogar in dieser Unscheinbarkeit besteht. Dass vorliegender Einspruch nicht sprachlich, z.B. mit einem originellen, „blendwerklichen“ (Benyoëtz) Wortwitz, sondern „sachlich pointiert“ (Harald Fricke) ist, bezeugt seine Qualität. Es treffen sachliche Pointe und Definitionsaphorismus zusammen, denn über das Wesen der Poesie wird hier zunächst eine Aussage getroffen. Dieser Befund ignoriert aber die Balance der beiden Satzglieder. Benyoëtz wertet gleichZeitig die feste Wendung „was aller Beschreibung spottet“, die gewöhnlich zum Vokabular des Wutausbruchs gehört, in ihr Gegenteil um. Nicht nur das, das uns wütend und – im einfachen Wortsinn – sprachlos macht, scheut weitschweifend-redselige, verwässernde Erläuterungen, sondern auch die höchste Form der Sprache: die Poesie.
Tobias Grüterich
Aphorismus aus: Elazar Benyoëtz, Das Mehr gespalten. Einsprüche. Einsätze. Jena; Dresden: Edition AZUR im Glaux Verlag, 2007, S. 98
Stichworte: sprache unsagbar wut literatur beschreibung unscheinbar definition harald fricke elazar benyoëtz tobias grüterich
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