10 kommentierte Aphorismen und Zitate – Stand: 18. Juni 2010
Nr. 7 – 11. Mai 2010
Der Mensch bewundert aufrichtig nur das Unverdiente. Talent, Abstammung, Schönheit. – Nicolás Gómez Dávila
Warum eignet sich das Verdiente nicht als Gegenstand der Bewunderung? Wodurch wird die Bewunderung unaufrichtig?
Das Verdiente ist nur das Erreichbare und damit auch Vergleichbare. Arbeitsethik und Neid beackern dasselbe Feld. Fremde Erfolge kann man natürlich bewundern, doch gerät die Bewunderung leicht in den Verdacht, angekränkelt zu sein: Sie maskiere lediglich den Ärger oder sei eine subtile Eigenwerbung, d. h. der Stolz, nicht engherzig zu sein.
Neid bezieht sich auf das, das man nicht hat, jedoch haben könnte, hätte man sich nur mehr ins Zeug gelegt. Insofern ist dieser auch nicht eingestandene Selbstkritik. Was wie obige Trias nicht intendiert werden kann, lässt sich ohne Neid oder Stolz und damit aufrichtig bewundern.
Die werkzeughaften Tugenden erheben die Menschen (wenn auch nur zu beflissenen Emporkömmlingen) und ziehen das Begehrte in die Zone der Erlangbarkeit herab. Nur die wenigen resistenten Dinge, die man sich nicht verdienen kann, verdienen Bewunderung.
Tobias Grüterich
Aphorismus aus: Nicolás Gómez Dávila, Scholien zu einem inbegriffenen Text. Wien: Karolinger, 2006, S. 549
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Nr. 6 – 10. Mai 2010
Der Mensch bewundert aufrichtig nur das Unverdiente. Talent, Abstammung, Schönheit. – Nicolás Gómez Dávila
Wer vieles von dem, das er erreicht hat, als Glück oder Zufall darstellt, löst heute einen Aufschrei aus. Bescheidenheit provoziert. Und dies gilt nicht nur für die vorgetäuschte, die Bestandteil vieler Koketterien ist, sondern gerade für die echte. Die Weigerung, stolz zu sein, beleidigt die, die es sind oder sein wollen. Der Bescheidene dankt dem Rückenwind, den – ich verzichte auf die Anführungszeichen – günstigen Umständen und weist darauf, dass Fleiß und Ehrgeiz, also die selbst verantworteten Anteile des Erfolges, eben dadurch ihre Grenzen haben. Wer sich etwas hart erarbeitet hat und sich dafür auf die Schulter klopft, ahnt gelegentlich noch mit nachträglichem Schrecken, dass es auch hätte anders kommen können. Wo Schweiß floss, herrscht heute noch Angst. Der Strebsame erreicht daher nie die Gelassenheit des Dankbaren, der weiß, fast alles ein Geschenk ist. Ehrgeiz ermöglicht, aber er legitimiert nicht – und vollbringt keine Wunder.
Tobias Grüterich
Aphorismus aus: Nicolás Gómez Dávila, Scholien zu einem inbegriffenen Text. Wien: Karolinger, 2006, S. 549
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Nr. 1 – 27. Jan. 2008
Sprechen Herr und Knecht verschiedene Sprachen, verstehen sie sich am besten. – Wilhelm Schwöbel
Viele Aphorismen bedienen sich des Mittels der Verblüffung, so auch dieser. Weist „verstehen“ etwa nicht auf Ähnlichkeit, also eine gemeinsame Sprachebene hin? Wilhelm Schwöbel, ein Verehrer des kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómez Dávila, hat wie jener einen scharfen Blick für die Einebnungsversuche künstlerischer, geistiger und menschlicher Unterschiede. Die Forderung nach dem herrschaftsfreien Dialog und das Ethos der flachen Hierarchie sind heute Doktrin in Politik und Wirtschaft. Im Klima der falschen Vertraulichkeit nach einem vorschnell angebotenen „Du“ gibt es keine Verständigung. Verständigung im besten Sinne bedarf – neben der Fähigkeit des Zuhörens – eines unpopulären Gespürs für Rangunterschiede, die sich in einer Sprache der Dominanz und einer der Unterlegenheit äußern. Die naive, wohlmeinende und auch politisch korrekte Verwischung solcher Unterschiede erscheint hier geradezu als die Quelle des Missverständnisses.
Tobias Grüterich
Aphorismus aus: Wilhelm Schwöbel, Ansichten und Einsichten Band 2. 2. Aufl. Wien: Karolinger, 2000 (zuerst Wien 1999), S. 57
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