10 kommentierte Aphorismen und Zitate – Stand: 18. Juni 2010
Nr. 1 – 27. Jan. 2008
Sprechen Herr und Knecht verschiedene Sprachen, verstehen sie sich am besten. – Wilhelm Schwöbel
Viele Aphorismen bedienen sich des Mittels der Verblüffung, so auch dieser. Weist „verstehen“ etwa nicht auf Ähnlichkeit, also eine gemeinsame Sprachebene hin? Wilhelm Schwöbel, ein Verehrer des kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómez Dávila, hat wie jener einen scharfen Blick für die Einebnungsversuche künstlerischer, geistiger und menschlicher Unterschiede. Die Forderung nach dem herrschaftsfreien Dialog und das Ethos der flachen Hierarchie sind heute Doktrin in Politik und Wirtschaft. Im Klima der falschen Vertraulichkeit nach einem vorschnell angebotenen „Du“ gibt es keine Verständigung. Verständigung im besten Sinne bedarf – neben der Fähigkeit des Zuhörens – eines unpopulären Gespürs für Rangunterschiede, die sich in einer Sprache der Dominanz und einer der Unterlegenheit äußern. Die naive, wohlmeinende und auch politisch korrekte Verwischung solcher Unterschiede erscheint hier geradezu als die Quelle des Missverständnisses.
Tobias Grüterich
Aphorismus aus: Wilhelm Schwöbel, Ansichten und Einsichten Band 2. 2. Aufl. Wien: Karolinger, 2000 (zuerst Wien 1999), S. 57
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