10 kommentierte Aphorismen und Zitate – Stand: 18. Juni 2010
Nr. 5 – 21. Apr. 2008
Mein Wort ergreift den Satz wie die Zukunft – Elazar Benyoëtz
Immer wieder habe ich den Eindruck, dass Benyoëtz’ Bücher aus der Faszination durch wenige Gesten und Gesichtsausdrücke entwickelt ist: ein mimisch gestikuliertes Abwägen, ein frotzelnder oder nachsinnender Blick, ein schallendes, ein gutturales Lachen, ein Kraulen im Bart. Der Körper mündet dann in solche Gesten wie in Blüten. Formgewinn ist Lebensverheißung. Darin ist sein Werk auch eines der Sehnsucht nach der Wiederkehr des Körpers im Text.
Die Bildersüchtigen formieren eine ökonomisch und politisch immer mächtigere Sozietät. Im Gegenzug sieht sich eine Geheimgesellschaft von Reaktionären und Renegaten „gebrochener Herzen“ herausgefordert. Und pseudoutopische Bilder sind es immer wieder, nach denen später auch die Liebenden unterwegs sind.
Zwischen den Fronten steht Benyoëtz. Zu seiner Conditio Judaica gehört die Spannung von „Verlassen“ und „Verlass“, durchaus auch von Bildskepsis und einer vitalen Lust an der bella figura des Einsatzes.
Christoph Grubitz
Aphorismus aus: Elazar Benyoëtz, Die Eselin Bileams und Kohelets Hund. München: Hanser, 1. Aufl. 2007, S. 36
Stichworte: erkenntnis bild judentum geste elazar benyoëtz christoph grubitz
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Nr. 3 – 19. Apr. 2008
Je suis réaction à ce que je suis. – Paul Valéry
„Ich bin Reaktion auf das, was ich bin.“ – So schreibt Paul Valéry in einem Cahier seines letzten Lebensjahrs 1945. Ein ebenso prägnanter wie sardonisch-abgründiger Satz: Was einer auch beginnt, es kommt aus keinem Ursprung, sondern aus der Reaktion. Andererseits: Wer A sagt, muss heute nicht auch B oder C sagen – sondern er darf seine Selbstsetzungen und Einsichten frei verantworten und korrigieren. Und das tat Valéry in seinen aphoristischen Cahiers ein halbes Jahrhundert lang. Ohne es anderen als den Eingeweihten zu sagen, ist Valérys Aphorismus, symbolistischer Haltung entsprechend, ein Aphorismus über das poetische Wort. Als Schüler Stéphane Mallarmés wuchs Valéry selbst auf mit der unstillbaren Sehnsucht der Avantgarden nach einer unverwechselbaren Form. Ähnlichkeit wirkt bei ihm als formales Angebot stabilisierend diesseits der sinnstiftenden Ideologien. Um 1900 herrscht bei vielen Dichtern der Welt die gleiche Diktion, in Frankreich und Italien haben sie sich bis heute erhalten.
Christoph Grubitz
Aphorismus aus: Paul Valéry, Cahiers, éd. par Judith Robinson, 2 vol.. Paris, Gallimard, collection „Bibliothèque de la Pléiade“, 1974, tome I, p. 1356
Stichworte: avantgarde klassizismus stéphane mallarmé moderne erkenntnis frankreich paul valéry christoph grubitz
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